Erich Hechensteiner
Der Verseschmied
Gedichte aus sieben Jahrzehnten
Mit Aquarellen von Ruth Hechensteiner Kössler
ISBN-10: 88-6069-001-3
ISBN-13: 978-88-6069-001-2
112 Seiten (mit drei farbigen Aquarellen)
Format 12x19 cm
Fadengeheftete Broschur
Preis 16 Euro

Erich Hechensteiner
Der Verseschmied
Gedichte aus sieben Jahrzehnten

»Manches erinnert an bekannte Meister der Poesie, so dass man den Autor zwischen Wilhelm Busch und Eugen Roth ansiedeln könnte.« (Dolomiten)

Rückentext

Es trinkt ihn jung, es trinkt ihn alt;
er kühlt, wenn ’s warm, und wärmt, wenn ’s kalt,
und bringt noch Schwung ins dickste Blut:
Der Paulsner Wein, er ist halt gut!

Vielfältig sind die Themen und Gedanken, die der Südtiroler Dichter Erich Hechensteiner seit seiner frühen Jugend in geschliffene Verse zu packen vermag. Er besingt die Liebe, die Heimat, den Wein, nimmt aber auch die menschlichen Schwächen kritisch und humorvoll aufs Korn. – Vorliegendes Bändchen enthält eine Auswahl aus seinem rund 450 Gedichte umfassenden Lebenswerk und liefert zahlreiche Beispiele wahrlich formvollendeter Poesie.

Innentext

Als ›Verseschmied‹ ist Erich Hechensteiner aus dem Südtiroler Weindorf St. Pauls in seiner engeren Heimat bekannt, wurde er doch ob seiner Reimkunst immer wieder um Gedichte zu konkreten Anlässen gebeten. Doch wird man mit dem Begriff der ›Anlassdichtung‹ diesem vielseitigen Dichter bei weitem nicht gerecht. Vorliegendes Büchlein bietet zum ersten Mal einen Einblick in sieben Jahrzehnte dichterischen Schaffens und es eröffnet den Blick auf ein Werk von eindrucksvoller Tiefsinnigkeit, blendender Humoristik und exzellenter Sprachbeherrschung.

Erich Hechensteiner, geboren am 31. Juli 1923 in St. Pauls, besuchte von 1933 bis 1940 das Humanistische Gymnasium ›Johanneum‹ in Dorf Tirol, 1941 maturierte er in Schwaz in Tirol. 1941 bis 1945 war er zuerst beim Arbeitsdienst, dann im Kriegseinsatz in Nordfinnland. 1947 bis 1950 studierte er Philosopie in Innsbruck und in Freiburg in der Schweiz. Er arbeitete von 1951 bis 1986 als Übersetzer in der Stadtgemeinde Bozen.

Buchvorstellung

Anlässlich der Weinkulturwochen St. Pauls

Samstag, 29. Juli, 18 und 20.30 Uhr
›Geist‹-reiches im Keller – Erich Hechensteiner stellt eine Auswahl seiner Gedichte aus sieben Jahrzehnten vor
www.eppan.com

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Gedichte

Warum nicht? (1953)

Dich besing ich,
Windspiel, glühhaariges,
Windrad, glühäugiges,
weil du schön bist
und jung
wie der Tag,
und weil du meine Gedanken füllst –
diese leeren Gefäße
verflogener Träume –
mit deiner Unrast.
Mit deiner Unrast erfüllst du sie,
Windspiel, glühhaariges,
Windrad, glühäugiges,
drum besing ich dich,
wiewohl du die Treue nicht kennst,
der Tugenden zweite,
und räuberisch spielst
mit der Männer Gefühl.
Doch ficht ’s mich nicht an:
du bist jung
und bist schön
und spielst nur mit dem,
dem ’s gefällt;
so mag er es haben.

Schmeidiges Gold,
deiner Glieder Gewicht,
ich wäg es mit meinen Händen;
ein rätselvolles Raunen,
dein Lippenpaar,
ich lausch ihm mit trunkener Seele.
Und rings um der Lenden
heimlichen Schwung
kreist lockendes, heißes Versprechen,
kreist aufwärts zumal
und verfängt sich gar
in Hügeln, bräunlich gekrönten.
Die Füßchen, nicht
möcht ich sie missen;
gern gedenk ich der Hände.
Sie weisen die Sehnsucht zur Mitte hin
und strömen Erfüllung von dorten her,
vom Herzen.
Doch dieses nun leider
kenn ich zu wenig,
als daß ich ein Loblied ihm sänge.
Du gabst es mir nie,
daß ich es spürend durchforschte.

Tirol isch lei oans (1979)

Noch gibt ’s bei uns die Inflation,
und trotzdem – es klingt wie ein Hohn –
wird mehr gebaut als je zuvor.
Zum Himmel ragen sie empor
die Kräne, und die Bagger wühlen
mit Wollust im Gedärm der Erde,
daß ja kein Platz verschonet werde.

Der kleine Mann blickt still und stumm:
Im Lande geht die Bauwut um;
denn ist noch wo ein grüner Fleck,
so muss der weg, so muss der weg,
um schönen Plätzen Platz zu machen
für Gäste, Sport und andre Sachen.

Wohin man geht, wohin man schaut,
wird abgetragen und gebaut.
Und das nicht nur zur Sommerszeit,
nein, auch im Winter, wenn es schneit.
Zumeist nicht Wohnungen, o nein,
für Fremde müssen ’s Zimmer sein
mit Bad, mit Farbfernsehn und Klo,
mit Südbalkon und Telefon.
Den Parkplatz für die lieben Fremden
(wir opfern für sie auch die Hemden),
den können dann die Nachbarn geben,
die brauchen doch den Grund nicht mehr.

Wer weiterkommen will im Leben,
den ziert die Rücksicht nicht so sehr
für andre als für sich allein.
So war ’s, so ist ’s, so wird es sein,
so lang, bis all die Gästescharen,
die uns so sehr willkommen waren,
sich anderswo dann niederlassen,
weil Wirbel sie und Unrast hassen,
die sie zu Haus ja selber haben
und billiger als in den Waben
der Fremdensilos hierzulande.
Wer weiß, was in den Pensionen
danach für Leute werden wohnen.

Wohin soll all das Bauen führen!
Wir werden es noch einmal spüren,
daß wir am Ast, auf dem wir sitzen,
nicht sägen dürfen und nicht ritzen,
wenn wir nicht wollen auf die Nase,
die gute, fallen in dem Grase.
Das heißt, das Gras ist ja schon fort,
im Teer erstickt, im Gas verdorrt,
deshalb geht unser jäher Fall
dereinst mit einem lauten Knall
auf den Asphalt.
Da sitzen dann um vieles ringer,
und schauen munter durch die Finger,
die da ihr Heil im Bauen suchten,
im Bauen nur des Geldes Willen –
ein Hunger, der doch nie zu stillen.
Die Folgen müssen alle tragen,
das braucht man gar nicht erst zu sagen;
denn niemand ist ja eine Insel.
Das weiß bald jeder Einfaltspinsel.
Und trotzdem wird rundum verbaut
um jeden Preis, daß einem graut,
sei ’s mit, sei ’s ohne Geld und Gulden,
und meistens mit horrenden Schulden.
Es bräuchte die Erlaubnis zwar,
doch geht auch ohne alles klar.
Ein Haus allein genügt nicht mehr:
es muß ein zweites, drittes her.

Nur tüchtig muß man sein, riskieren
und sich beizeiten orientieren
nach seinem Vorteil und Gewinn,
dann ist man groß, dann ist man ›in‹.
Die Steuer zahlen nur die Teppen.
Wir lassen uns vom Staat nicht neppen.
Wir neppen ihn und kriegen Kohlen
von überall, sind nur zu holen.
Man muß nur wissen, wo sie liegen,
und was man tut, um sie zu kriegen.
Wir nehmen gern und dankbar hin;
nur – Steuerzahlen ist nicht drin.

Die Krise ist uns sehr willkommen,
solang wir Geld dafür bekommen.
Erst wenn wir selbst was zahlen müssen,
dann kann uns auch die Krise küssen;
denn wir sind reich, wenn ’s gilt zu prahlen,
doch arm, sehr arm beim Steuerzahlen.

Du liebes schönes Südtirol,
man fühlt sich gar nicht mehr so wohl
in deinen Bergen, Tälern, Orten,
wo Bauwut herrscht und alle Sorten
von Raffgier, Neid, Unduldsamkeit,
wo niemand mehr für nichts hat Zeit,
als nur für sich und seine Kröten.
Das Raffen, Rennen kann auch töten.

Wenn ’s einmal aus ist und zu spät,
weil die Natur zum Teufel geht,
und ’s klagen unsre Kinder an:
»Was habt ihr mit dem Land getan!«,
wird nutzlos unser Reden sein:
»Wir taten ’s doch für euch allein«,
denn unsre Habsucht war es nur,
die uns den Raubbau dumm und stur
betreiben ließ. Und was die Gäste
beim Durchfahrn sehn, das sind die Reste
von dem, was unser Land einst war:
ein Paradies. Und das ist klar:
Wir selber sind ’s, wir armen Toren,
durch deren Schuld es ging verloren.

Die Landeshymne klingt dann so –
mit obligatem »Holdrio«
zum Singen und dazu recht laut:

»Tirol isch lei oans: verhunzt und verbaut.«

St. Pauls (1993)

An Dir ist nicht viel, was absonderlich wär,
es sei denn der Dom auf dem Lande.
Doch, auch die Glocken, die klingen so hehr
und sind zu begeistern imstande.

Die alten Häuser, die Winkel und Gassen –
verklärt von dem Hauch der Geschichte –
sie führen behäbig, gezielt und gelassen
zum Orte noch ält’rer Berichte.

Sie führen zum Platz, wo zwei Linden zu sehn,
zur Bühne fürs örtliche Treiben,
wo Schenken und Läden zu Diensten stehn
als Lockung für läng’res Verbleiben.

Im Schatten des Doms und vom Turm gut beschützt,
da lebt man so sicher und warm;
da fühlt sich auch, wer sonst nur wenig besitzt,
selbst noch als Bettler nicht arm.

Die Menschen sind freundlich und offen und bieder;
sie regen von früh sich bis spät.
Sie lieben das Leben, den Spaß und die Lieder
und helfen, wo immer es geht.

Du bist mir, St. Pauls, nicht nur Burg, Heim und Feste –
wie kann ich Dir dafür je danken! –
Du bleibst auch das erste und sicher das beste,
das Ziel meiner liebsten Gedanken,

dieweil meine Wurzeln gar kräftig hier greifen
in diesem gesegneten Flecken,
wo süßeste Trauben und Früchte reifen
und goldene Träume wecken.

Schon möglich, daß dich der Herrgott erschuf
in so einem goldenen Traum.
Daher wohl der Dom und der Glocken Ruf.
Ich selber, ich zweifle da kaum.

Du steckst mir wie eine Droge im Blut;
ich aber kann das ertragen.
Dein Anblick, der gibt mir den nötigen Mut,
zu pfeifen auf Sorgen und Plagen.

Und bin ich auch linkisch und zittrig und alt:
Dir will ich mein letztes Lied weihen.
Mag ’s lächerlich klingen – ich liebe Dich halt.
Der Himmel, er wird mir verzeihen.

Schneck’ und Ziege (2002)

Gemeinsam machen sie die Strecke
hin zum Finanzamt, Zieg’ und Schnecke.
Als erste geht die Geiß ins Haus,
kommt bald mit rotem Kopf heraus.
Danach ist unsre Schneck’ am Zug,
bei der es dauert lang genug.
Doch als sie schließlich doch erscheint
und ganz und gar nicht schimpft und weint,
fragt unsre Zieg’ mit leichtem Bangen:
»Wie ist es dir denn nun ergangen?«
Die Schnecke lacht, kann ’s selbst kaum fassen:
»Die Hälfte hat man mir erlassen.«
»Ja wie denn das, wieso, warum?«
Die Ziege wirft der Spaß fast um.
Das Zauberwort der Schnecke dann:
»Mit Kriechen kommst du immer an.
Drum stell das Meckern künftig ein,
dann wirst auch du erfolgreich sein.«

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